Sonntag, 21. September 2008

Balkon-Szene

Einer der angesagtesten Clubs in Boise ist The Balcony, u.a. auch ein beliebter Treffpunkt für Schwule und Lesben, wie man auf der Website unschwer erkennen kann. Man zahlt am Wochenende $ 3.00 Eintritt und bekommt für nochmal $ 3.00 ein Bier - bzw. für $ 3.50 ein Importbier, wobei die 0,33er-Flaschen hier angenehmerweise 0.36er-Flaschen sind. Ist also vergleichsweise billig. Als kleiner Bonus wird standardmäßig das Alter kontrolliert, bevor man rein darf, da fühlt man sich gleich ungemein geschmeichelt.

Aber reden wir nicht lange um den heißen Brei: Der Laden macht um zwei Uhr dicht. Alle Bars und Clubs machen hier nämlich spätestens um zwei Uhr dicht. Jemand war so frei, das so aufzuschreiben, weshalb es da jetzt so geschrieben steht. Da wird um zehn vor zwei der Rausschmeißer eingespielt, und dann, bumms, aus die Maus. Wenn ihr (ja, Ihr) euch jetzt an selige Johanneums-Disko-Zeiten erinnert seht, dann habt ihr die Problematik in etwa erfasst. Und das ist nicht nur für Europäer bestürzend, wie betroffene Einheimische mir versichert haben.

Andererseits bedeutet das knapp bemessene Zappel-Zeitfenster aber auch, dass hier ziemlich die Post abgeht. Die Leute haben nur drei bis vier Stunden, um zu tanzen, zu picheln und Sexualpartner des bevorzugten Geschlechts klarzumachen, und sie sind ganz offensichtlich nicht dazu geneigt, ihre Zeit zu verschwenden. Eine Nebenwirkung davon ist natürlich, daß man sich leicht übernimmt, wenn man an einem Abend versucht, gleich in allen drei Disziplinen seinen Abschluss zu machen.

Da wäre zum Beispiel Brian*, der sich, schon stark alkoholisiert, bei mir erkundigt, ob ich Interesse habe, mit ihm einen pitcher zu splitten, um zwei nice girls abzugreifen. Nachdem ich das reflexartige Thanks, but no thanks unterdrückt habe, das mir meine Vernunft und meine schüchterne Natur in den ungünstigstenen Situationen zwischen die Beine werfen, zucke ich mit den Schultern, trinke mein Bier aus und sage Sure, let's go - ich bin ja schließlich nicht zum Spaß hier. (Pitcher gibt's dann leider nicht, wie sich rausstellt, deshalb settelt Brian für vier Flaschen Bier.)

Die zwei Mädels sind dann tatsächlich nett, und zudem dankenswerter Weise nicht halb so besoffen wie Brian und auch sonst zurechnungsfähiger. Ich unterhalte mich mit einer der beiden eine halbe Stunde über interkulturelle Vorurteile (sie revanchiert sich für das Bier mit einem Heineken, denn ich bin ja Deutscher, öhms...). Daß ich Brian noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe, beunruhigt sie dann etwas, aber kurz darauf taucht ihre Freundin wohlbehalten wieder auf - ohne Brian.

Ich verabschiede mich von den beiden und gehe zu meinen Leuten zurück. Brian sehe ich an dem Abend derweil noch mit zwei, drei anderen Frauen. Die - das muss man ihm lassen, speziell in seiner Verfassung - sind auch allesamt sehr gutaussehend, ergreifen an einem gewissen Punkt aber scheinbar dann doch immer die Flucht. Man kann eben nicht alles haben.

Seinen Namen schuldet The Balcony übrigens der Tatsache, dass er sich in der zweiten Etage eines kleinen Einkaufszentrums befindet und - mancher Schlaufuchs mag es ausgeknobelt haben - auf der Außenseite über einen großen Balkon mit erstklassiger Sicht auf die Stadt verfügt. Das ist sehr angenehm, wie man sich vorstellen kann, nicht nur für Raucher. Insgesamt ein feiner Club, auch wenn die Öffnungszeiten eigentlich unzumutbar sind.

Weiterer Pluspunkt: Gleich nebenan auf derselben Etage befinden sich ein dem Hörensagen nach sehr ordentlicher Italiener und außerdem The Piper, wo's original Idaho-Elchburger und Guinness vom Fass gibt. Aber dazu ein andermal mehr.

*) Name nicht geändert